• Fabian Kremser

Teil III-II: Die Wahl der Qual


Oder: Rechnen versus Messen

In meinem letzten Artikel habe ich die Thematik der Leistungsbereiche gestreift. Gestreift - dieser Begriff wurde hier bewusst gewählt, da man hierzu Bücher füllen kann. Ich hoffe jedoch, einen ersten Überblick zu den verschiedenen Bereichen gegeben zu haben und so möchte ich mich nun mit der Frage auseinandersetzen, WIE man zu diesen Bereichen kommt.

So unterschiedliche die Definitionen der Bereiche, so mannigfaltig die Möglichkeiten, sie zu bestimmen. Hier ein kleiner Überblick der wohl meistverbreiteten:

Der einfachste Weg ist sicherlich derjenige der Berechnung. Ob dies in der Sportuhr, mittels App oder einer einfachen Formel geschieht, wie es Ärzte weltweit seit Jahrzehnten tun – es ist einfach und definiert schnell, jedoch völlig generisch die Herzfrequenzbereiche. Vorteil dieser Methode ist ganz klar die Einfachheit sowie die Tatsache, dass man, wenn man ehrlich mit sich selbst ist und die entsprechenden Angaben wahrheitsgetreu mit einbezieht, wenig Schaden anrichtet beim Training. Für jemanden, der gerade mit dem Sport begonnen hat, ist dies schon eine grosse Hilfe.

Eine weitere Methode ist ein Feldtest. Auch hier gibt es unterschiedliche Verfahren. Wichtig ist hier, dass man diese Tests so gestaltet, dass sie regelmässig unter gleichen Bedingungen wiederholt werden können – dann haben sie durchaus ihre Berechtigung, sofern im Hintergrund verstanden wird, was mit den erhobenen Daten am Ende ausgesagt wird. Es gibt sogar Testverfahren, welche erfahrungsgemäss auf 2-3% an die Resultate einer Labordiagnostik herankommen, doch ist hier Vorsicht geboten – man sollte nicht dem Glauben unterliegen, dass das eine das andere ersetzen kann.

Feldtests sind jedoch eine gute Möglichkeit für Ein- oder Wiedereinsteiger, ein paar initiale Datensätze zu generieren, um ins Training zu finden, bevor in eine teure Labordiagnostik investiert wird. Für Athletinnen und Athleten, welche sich mitten im Training befinden, sind Feldtests eine gute Möglichkeit, den eigenen Fortschritt zu verfolgen. Doch auch hier gilt: man sollte um die Hintergründe Bescheid wissen oder aber sich an jemanden wenden, der in der Thematik bewandt ist.

Lange Zeit waren Laktattests das Mass der Dinge: Unter vorgegebenen Belastungsstufen wurde bei den Probanden in regelmässigen Zeitabständen Herzfrequenz und Laktatgehalt im Blut gemessen. Auf einer Zeitleiste wurde in Korrelation mit der erbrachten Leistung eine Kurve gezeichnet und dann anhand von Formeln zunächst die Anaerobe Schwelle bestimmt sowie die entsprechenden Bereiche daraus abgeleitet.

Während an dieser Methode an sich nichts verkehrt ist, so birgt sie jedoch ein riesengrosses Potential für Fehlinterpretationen und entsprechend falscher Trainingssteuerung. Denn: zum einen verhält es sich mit dem Laktat wie mit der Herzfrequenz: es ist ein absolut individueller Messwert und eignet daher kaum zum Vergleich zwischen Athleten. Zudem gibt es mindestens fünf unterschiedliche Methoden, die anaerobe Schwelle anhand von Laktat zu bestimmen. Alle sind wissenschaftliche anerkannt – und jede einzelne liefert komplett verschiedene Daten. Sodann kommt erschwerend hinzu, dass sich hier wieder die Frage nach der Definition der Bereiche stellt. Viele Diagnostiker arbeiten nicht zuletzt der Verantwortung wegen mit Computerprogrammen, welche auf vorprogrammierten Testprotokollen und -Parametern basieren, und entsprechend fallen die Resultate aus.

Es braucht ein grosses Wissen über den Körper und seine Funktionen, um aus einem auf Laktat basierenden Testprotokoll verwendbare Leistungsdaten herzuleiten. Ist dies beim Testenden nicht vorhanden, liefert man sich leider völlig der Willkür eines Computerprogrammes aus, dessen Auswertungen noch nicht einmal zum Disput stehen, da sie, wie gesagt, auf wissenschaftlich anerkannten Algorithmen basieren.

Es gibt jedoch eine Methode, anhand derer man tatsächlich herausfinden kann, was im Körper vorgeht, während man eine bestimmte Leistung erbringt: die Atemgasanalyse via Spirometrie.

Hier wird unter Laborbedingungen gemessen, wie sich die Atemluft der Probanden zusammensetzt. Diese Atemgase werden anschliessend analysiert und liefern objektive Erkenntnisse zu den physischen Abläufen, welche im Körper unter Belastung stattfinden. So lässt sich sehr genau sagen, wie viel Energie verbraucht wird. Und nicht nur das – es lässt sich auch bestimmen, welche Form von Energie verbrannt wird, ob der Körper sie aus dem Fett zieht oder ob er Kohlenhydrate verbrennt, ja sogar, was dies auf das Gramm pro Minuten/Stunde bedeuten würde.

Diese Tests sind, wenn fachkundig ausgeführt, zwar eine etwas kostenintensive Methode, jedoch zeitgleich die mit Abstand am aussagekräftigste. Denn: hier wird GEMESSEN anstatt gerechnet. Natürlich werden aus den Daten auch hier unterschiedliche Bereiche erstellt, doch sind diese zuvor sehr genau definiert und nicht von einem bestimmten Punkt im Test abhängig.

Grundsätzlich wünsche ich mir von meinen Athletinnen und Athleten, dass sie sich auf diese Testmethode einlassen, da sie gewährleistet, dass die ausgegebenen Leistungskenndaten zu 100% ihren eigenen Körpern entsprechen und somit kein Risiko besteht, dass durch irgendwelche verfälschenden Berechnungen falsche Reize gesetzt werden.

Kann man also sagen: Spirometrie über alles?

Das ist nicht so einfach, denn auch hier gibt es derzeit eine Entwicklung in der Sportwelt, die mir als Coach und Trainer die Haare zu Berge stehen lässt.

Immer häufiger kommen Spirometriesysteme auf den Markt, welche teils sogar explizit damit werben, dass keinerlei medizinische Vorkenntnisse vonnöten seien, um sie zu verwenden und dass man in nur wenigen Minuten «absolut individuelle Bereiche» bekommt.

Die entsprechenden Tests dauern in der Tat oft nur zehn Minuten oder wenig mehr und bestehen in erster Linie aus einer sogenannten «Rampe»: während die Probanden auf dem Ergometer fahren oder Laufband laufen, wird die Belastung beständig ein wenig erhöht, bis eine komplette Auslastung stattfindet.

Das Problem bei diesem Verfahren ist, dass die jeweiligen Intensitäten viel, viel zu kurz sind um eine entsprechende Reaktion im Körper hervorzurufen. Es braucht ein Minimum an zwei, besser zweieinhalb bis drei Minuten, um die gewünschten Reaktionen im Körper hervorzurufen. Jeder, der schon einmal seinen Puls bei einem Berglauf gemessen hat, kann dies nachvollziehen: es dauert eine Weile, bis die Herzfrequenz zu steigen beginnt, während die Anstrengung selbst längst weit über den Bereich hinausgeht, der einem tatsächlich via Pulsmesser angezeigt wird. Sind die Belastungen also kürzer als diese minimale Zeitspanne, treten sie massiv verspätet auf – und das verfälscht die Resultate enorm.

So kann es durchaus vorkommen, dass bei einer Belastung von vielleicht 240 Watt eine nur wenig höhere Herzfrequenz gemessen wird als zuvor bei 120 Watt. Wird anschliessend durch eine Formel berechnet, in welchem Prozentbereich, zum Beispiel der anaeroben Schwelle, der sogenannte «Grundlagenbereich» liegt und man dies durch eine Software anhand der entsprechenden Herzfrequenz errechnen lässt, kann es schon einmal vorkommen, dass einem Athleten ein «Grundlagenbereich» definiert wird, der eine Leistung von vielleicht 130 bis 220 Watt umfasst. Trainiert er oder sie strikt nach Herzfrequenz, kann sich der Schaden in Grenzen halten, doch verwendet er oder sie einen Leistungsmesser, sind die Folgen oft fatal: da ihnen attestiert wird, dass in ihrem Körper das gleiche bei 220 Watt Leistung geschieht wie bei 130, trainieren sie in der Regel viel zu hoch.

Die Schwierigkeit hier ist, dass man dagegen nicht ankommt. Da all diesen Geräten und Methoden einmal mehr die Wissenschaft zugrunde liegt, kann sich ein Diagnostiker sehr einfach der Verantwortung entziehen, indem er genau darauf verweist: es ist wissenschaftlich. Punkt. Wenn es nicht klappt, ist das Problem beim Athleten.

Ich kann meinen Kunden und auch allen anderen nur den Rat geben, sich im Vorfeld einer Diagnostik sehr genau zu informieren. Es gibt viele Firmen, die hier seriös arbeiten, doch leider noch viel mehr, die es nicht tun. Ich kann nur empfehlen, einen grossen Bogen um Tests zu machen, die damit beworben werden, in nur kurzer Zeit alle nötigen Daten zu erheben. Auch rate ich von Verfahren ab, welche mit Vergleichen zu z.B. Gleichaltrigen oder ähnlich aktiven Menschen arbeiten. Auch wenn es vielleicht sein mag, dass sich die Daten von 250 Athletinnen oder Athleten im Alter von 25-30 Jahren mit einem Gewicht von beispielsweise 65 Kilo und drei bis vier Trainingsstunden pro Tag sehr ähnlich sind – aus solchen Datenpools erhobene Bereiche sind, einmal mehr, nicht individuell und können gänzlich falsch liegen.

So oder so lohnt es sich, in dieses Thema etwas Zeit und Energie zu investieren, denn im Anschluss daran kommt der Teil, um den es dann auch in den nächsten Artikeln gehen wird: die effektive Umsetzung im Training und das dafür benötigte – oder eben nicht benötigte – Equipment.

Herzlich,

Fabian


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