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  • Fabian Kremser

...braucht's das?

Ein frohes neues Jahr wünschen wir euch allen! Ob ihr den Beginn des 2021 nach Kräften gefeiert oder ob ihr es wie wir gehalten habt (wir blieben bis Mitternacht wach, um sicher zu gehen, dass sich 2020 auch wirklich verzieht…) ist einerlei, wir wünschen euch nur das Allerbeste für die kommenden zwölf Monate.

Wir haben uns für das neue Jahr einiges vorgenommen und freuen uns darauf, es so richtig zu beginnen. Den Anfang machen wir mit unserer angekündigten, neuen Serie mit dem klangvollen Namen: «braucht’s das?».


Was steht dahinter?


Nun… wer sich im Internet bewegt, egal wie (und das soll ja hin und wieder vorkommen bei Sportlerinnen und Sportlern), wird sich diversen Werbeanzeigen für die neusten, tollsten und endgültigsten Produkte, Gadgets und Methoden nicht so ganz erwehren können. Und da wird einem ja alles Mögliche versprochen. Doch zumindest uns Coaches geht es da immer wieder einmal so, dass wir uns fragen: «braucht’s das?»


Tatsächlich werden wir das auch immer wieder von unseren Athletinnen und Athleten gefragt und so beschlossen wir, euch da an unseren Erfahrungen und Meinungen teilhaben zu lassen. Die Erfahrungen haben wir, weil wir sie sammeln, die Meinungen, weil wir sie uns bilden. Das heisst natürlich nicht, dass wir hier der Weisheit letzter Schluss verkörpern oder dass ausser uns niemand sonst recht haben könnte. In diesem Sinne stürzen wir uns in den Dschungel der verschiedenen Märkte rund um den Sport und um die Gesundheit!


Den Anfang macht Coach Fabian und mit einem Produkt, das gleichzeitig auch eine Methode zur Datenaufzeichnung und Trainingssteuerung verkörpert: dem Humon Hex.


Der Humon Hex ist ein sogenannter NIRS-Sensor und ich möchte hier gleich der Wahrheit den Vortritt lassen: es ist im Augenblick nicht ganz klar, ob er noch produziert wird oder ob die derzeit noch erhältlichen Geräte überteuerte Restposten sind. Wie ihr vielleicht sehen könnt, führt der hinterlegte Link zwar noch zu einer Website mit Informationen, auf den Shop zugreifen kann man aber nicht (mehr). Es hat jedoch seine Gründe, dass ich dennoch darüber schreibe, wie hoffentlich etwas später im Text klar wird.


Erst einmal: was ist NIRS?


NIRS ist das Kürzel für Nah-Infrarot-Spektographie. Das klingt nach Licht und ist es auch: ganz vereinfacht ausgedrückt funktioniert der Sensor so, dass er auf einem Muskel – ideal einem aktiven, also in diesem Fall wie in unserem Header sichtbar auf dem Oberschenkel – platziert wird. Über eine Diode strahlt er mit Licht im, nun, Nah-Infraroten Spektrum in den Muskel hinein. Dieses Licht tritt auch wieder aus, was in einem Sensor gemessen wird. Da das Licht im Muskel und im Blut je nach Sauerstoffsättigung unterschiedlich gebrochen wird, können im austretenden Licht genau diese Parameter analysiert werden. So erhält man in Echtzeit Werte, die einem sagen, zu wie viel Prozent die aktive Muskulatur mit Sauerstoff gesättigt ist und wie viel Prozent des zirkulierenden Blutes aus Hämoglobin bestehen. Damit kann man, so die Aussage der Hersteller, die Balance zwischen Sauerstoffbedarf und -Zufuhr in Echtzeit darstellen.


So weit, so gut, doch die erste Gretchenfrage ist hier: was sagt mir das?


Tatsächlich befanden sich viele oft selbsternannte Leistungsdiagnostiker in heller Aufregung, als die NIRS-Technologie den Sprung in den Sport wagte. Da wurden Hoffnungen laut, man könne endlich sowohl in Echtzeit als auch non-invasiv und ohne ein riesiges Laboraufgebot die wirklich wichtigen Daten messen, denn dass sich gerade im Ausdauersport sehr viel um den Sauerstoff dreht, muss wohl nicht extra erklärt werden.


Ich wollte es genauer wissen und habe mir vor etwas mehr als einem Jahr einen Humon gekauft. Der kostete damals knapp unter 300.- Dollar, was für mich ziemlich fair klang (und mich, wie oben erwähnt, derzeit leicht in Frage stellen lässt, was es mit den momentan noch erhältlichen Geräten für konsequent um und bei 400.- Euro auf sich hat).


Nach über einem Jahr Training mit dem Gerät erlaube ich mir also, einmal Revue passieren zu lassen.


Die Verwendung ist sehr einfach: aufladen, ans Bein schnallen, mit der Uhr koppeln – fertig.


Nur sollte man dann auch irgendwo die gesammelten Daten analysieren können, und da stiess ich schon auf die erste Hürde: die Firmeneigene App, die auch gleichzeitig als Diagnostikzentrum herhalten sollte, hatte und hat keine Schnittstelle zu irgendwelchen anderen Geräten. Keine Rede also von «mit Garmin aufzeichnen und dann über Garmin Connect direkt synchronisieren». Das konnte man in der App selbst nur auf zwei Arten: entweder man koppelte den Humon mit dem Smartphone, was bedeutete, dass er sich nicht mehr zusätzlich mit der Uhr verbinden liess und ausserdem, dass man das Telefon zum Training mitnehmen musste. Das war und ist mir aus mehreren Gründen vom Rad fahren mal abgesehen zuwider, auch kam es nicht in Frage, dass ich mir Kopfhörer in die Ohren stöpselte, um mir in Echtzeit von einer Computerstimme meine Sauerstoffwerte zusäuseln zu lassen. Ich bin zu vielem bereit, doch auch ich habe meine Grenzen.

Ein Import nach TrainingPeaks, welches ich sowohl für das Coaching als auch für mein eigenes Training verwende, war und ist nicht möglich, jedoch liessen sich die Daten dann tatsächlich in Garmin Connect einsehen.


Was also sagten mir diese Daten?


Zunächst einmal gilt für die NIRS-Technologie wie für jedes andere Messverfahren auch: «Garbage in – garbage out». Oder auf Deutsch: wenn man die Geräte nicht richtig anwendet, platziert und pflegt, kommt bei den Messungen nichts Brauchbares heraus, das ist hier nicht anders.


Schnell fiel mir auf, dass es durchaus einen Unterschied machte, ob ich den Humon ein paar Zentimeter weiter oben, links oder rechts trug. Auch war nicht ganz unwichtig, wie viel Kleidungsschichten darüber lagen. Dies jedoch alles Probleme, die eigentlich keine sind – mit etwas Übung war schnell klar, was, wo und wie wichtig war, damit das Gerät so funktionierte, wie es sollte.

Und ja, es war durchaus interessant zu sehen, welche Trainingsreize oder auch nur schon Intensitäten welchen messbaren Effekt im Körper auslösten. Dass zum Beispiel bei einem Intervalltraining am Berg der eigentliche Trainingseffekt von verbesserter Sauerstoffaufnahme nicht während, sondern nach jeweils einem Intervall einstellte, war mir zwar aus der Trainingslehre durchaus bewusst, es aber einmal in Echtzeit am eigenen Körper zu sehen, hatte durchaus seinen Reiz:

Die graue Kurve zeigt die Sauerstoffsättigung, die hier mit "Hemoglobin Percentage" bezeichnet wird.

Auffallend war in diesem Beispiel, dass die Werte während der Sprint-Intervalle (Hill Repeats) rapide sinken, dann jedoch in den Erholungsphasen fast ebenso schnell wieder steigen. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass höhere Leistungen / Paces keine grössere Sauerstoffaufnahme nach sich ziehen. "Mehr ist mehr" stimmt also offensichtlich nicht, daraus herleiten kann man auch, dass das intensivste Training nicht immer die besten Reize setzt. Diese Erkenntnis kann durchaus bei der Trainingssteuerung helfen.


Auch liess sich ein Warm Up deutlich effektiver gestalten, da irgendwann einmal klar war, ab welcher prozentualen Sättigung ich voll einsatzbereit bin.


Im Winter zeigte der Humon dann auch einmal in Zahlen und Farben an, weshalb es bei grosser Kälte teils nicht so unendlich spritzig vorwärts geht – die Beine sind schlicht nicht so gut durchblutet respektive brauchen deutlich länger, um wirklich warm zu werden.


Einmal mehr: so weit, so gut. Doch lernte ich hier irgend etwas bahnbrechendes?


Leider: nein. Oft hatte und habe ich zwar mit dem Humon eine numerische Bestätigung meines Körpergefühls, doch blieb weder der grosse Aha-Moment aus noch hatte ich trainingsmässig dank des Geräts irgend einen grossen Durchbruch. Dass ich über meinem Schwellenbereich irgendwann einmal nicht mehr genug Sauerstoff im Blut habe, um die Leistung weiter aufrecht zu halten, ist selbsterklärend und ein Sensor, der den Bildschirm der Uhr rot aufleuchten lässt, ändert auch nichts daran, dass man irgendwann seine Grenzen erreicht. Auch lassen sich meiner Meinung nach damit keine verlässlichen Trainingszonen definieren, denn die Sauerstoffsättigung war und ist, einige Fehlmessungen in Kauf genommen, ebenfalls tagesabhängig. Man kann sich in keinem Fall darauf verlassen, dass die Sauerstoffbalance bei Leistung X an zwei Tagen die gleiche ist. Also aus der Traum der günstigen, non-invasiven Leistungsdiagnostik.


Darum also die Frage: Braucht’s das?


Ich sag’s mal so. Für absolute Nerds, zu denen zu gehören ich mich offen bekenne, ist so ein Humon sicherlich ein nettes Spielzeug. Jedoch kann ich nur dringendst davon abraten, tatsächlich eine Diagnostik auf dieser Basis zu machen oder am Ende das Training danach zu steuern. Hier ist es mindestens gerade so effizient (und weitaus günstiger), das eigene Körpergefühl zu schulen und dann auf die brennenden Beine zu hören.


Denn ja, der Preis. Mit etwas um und bei 300.- Dollar ist der Humon zwar nicht gerade günstig, dafür, was er kann – oder konnte, wie gesagt gibt es noch einige Orte, an denen er gekauft werden kann, dort jedoch um einiges teurer – jedoch okay. Denn auch wenn er eher in den Bereich der Gadgets gehört, steckt in dem kleinen Ding eine Menge klinisch validierte Technik und man kann sich bei richtiger Anwendung ziemlich darauf verlassen, dass die Daten akkurat sind. Aber brauchen? Leider, nein.


Für diejenigen, die sich dennoch mit einem NIRS-Sensor ausstatten wollen, gibt es allerdings durchaus Geräte, die das Gleiche tun wie der Humon. Allen voran der Moxy-Sensor aus den USA, der allerdings bei niedlichen 800.- Dollar angesetzt ist und nebst einem ordentlichen Kaufpreis auch nicht ohne eine horrende Menge an Verbrauchsmaterial auskommt.

Ohne das Verschleissmaterial kommt der Portamon der Firma Artinis aus, der gleich wie der Humon mit Hilfe eines Velcro-Straps am Muskel befestigt wird. Für diesen darf man dann allerdings gleich mal 12'000.- Euro – in Worten: zwölftausend! – Euro hinblättern. Mehr aussagen als der Humon tut der Portamon letzten Endes allerdings auch nicht…


In diesem Sinne: wenn ihr ein nettes Spielzeug möchtet, das euch dabei helfen kann, euer subjektives Empfinden etwas besser einzuordnen, dann kann der Humon dabei helfen, doch lebensnotwendig für das Training ist er beim besten Willen nicht.


In diesem Sinne: startet alle gut ins 2021!


Herzlich,

Fabian

Tricademy - School of Movement

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