• Fabian Kremser

Exerceo ergo sum: Quantität vs. Qualität

In unserem letzten Artikel haben wir uns mit dem Thema "Leistungstest vs. -Diagnostik" auseinandergesetzt. Heute wollen wir einen Schritt weitergehen und uns mit einem Thema befassen, welches an der Wurzel und bei näherer Betrachtung oft auf unzureichende oder unvollständige Daten zurückgeht: Quantität vs. Qualität.

Grundsätzlich ist es einerlei, ob man von Ausdauer-, Kraft- oder Gesundheitssport spricht. Ein gemeinsamer Nenner existiert vor allem zu Beginn überall: viele unterliegen dem Eindruck, dass es beim Sport eine gute Idee ist, das Prinzip "mehr ist mehr" anzuwenden. Warum 20min locker joggen, wenn man auch 30min schnell rennen kann? Warum die Herzfrequenz unter einem gewissen Wert halten, wenn man sie auch 20 Schläge höher treiben kann? Warum bei Leistung XY fahren, wenn auch 50 Watt mehr gehen? Und so weiter…


Dies sind Probleme, mit denen wir Coaches fast jeden Tag zu tun haben und sie stellen uns vor eine Herausforderung, die niemals einfach zu meistern ist: wie können wir Athletinnen und Athleten nachhaltig beibringen, dass Sport und Training nicht unbedingt ein Leben am Limit bedeuten?


Eines ist klar: möchte man ein bestimmtes Ziel erreichen, ist ein gewisser Trainingsaufwand unumgänglich. Das ist in allen Bereichen so, nicht nur im Spitzensport. Was jedoch noch viel wichtiger ist als das reine Trainingsvolumen ist der Inhalt.


In unserer Diagnostik messen und vermessen wir den Körper auf allen möglichen Ebenen. Wir wiegen, analysieren die Körpersegmente, messen den Basis-Stoffwechsel. Wir belasten den Körper und analysieren mit den genausten Geräten, die es hierfür überhaupt gibt, was währenddessen in seinem Innern vor sich geht. So können wir ein umfassendes Profil von jeder Athletin und jedem Athleten erstellen, das es uns ermöglicht, nicht nur sehr genaue Trainingspläne zu schreiben, sondern unseren Kundinnen und Kunden auch zu erklären, weshalb wir welche Art des Trainings anwenden.


Schon beim Basis-Stoffwechsel ist es immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich die einzelnen Körper funktionieren. Es gibt hier schlicht keinen Ansatz, den man pauschalisieren könnte. Dort beginnt alles: so individuell diese Werte und Funktionen sind, so unterschiedlich gehen sie weiter. Haben wir die physischen und metabolischen Profile der Kundinnen und Kunden erstellt, wissen wir sehr genau, wie wir ihnen dazu helfen können, zum Beispiel mehr Fette zu verbrennen, mehr Sauerstoff aufzunehmen und gleichzeitig weniger davon zu verbrauchen.


Hier geht es jedoch oftmals direkt los: es kommt zum Beispiel immer wieder vor, dass wir unseren Athletinnen und Athleten Einheiten planen, die um ein Vielfaches langsamer absolviert werden sollten, als sie sich das gewohnt sind. Einige wenige halten sich minutiös daran, andere verlieren nach einer gewissen Zeit die Geduld. Wenige verweigern dies gleich von Beginn an.


Warum? Was hält jemanden, der respektive die zielgerichtet trainieren möchte dazu an, den Datenbasierten Input eines Coaches oder Trainers zu ignorieren und den Körper masslos zu überlasten?


Der Grund dürfte psychologischer Natur sein und nicht zuletzt in den sozialen Medien zuhause. Nirgendwo sonst sind wir einem ähnlichen Staccato an permanenten Informationen, Eindrücken, Bildern ausgesetzt wie dort. Und alle scheinen nur eines auszudrücken: Ich bin grösser, schneller, besser als DU! Es werden Fotos mit Laufzeiten, Paces und Herzfrequenzen geteilt, Wattzahlen publiziert, neue Bestzeiten bejubelt. Konstant.


Und ganz ehrlich: viel mehr Kontakt haben wir heute selten zu anderen, es sei denn, wir sind einem Team angehörig und trainieren regelmässig mit den Kameradinnen und Kameraden zusammen. Früher plauderten noch die Stars einer sehr kleinen Szene über ihre unfassbar hohen Trainingsumfänge und brutalen Einheiten, was man auch nur deshalb mitbekam, weil sich irgendjemand die Mühe machte, morgens um 2 an einem Sonntag den holprigen und unkommentierten Livestream vom Ironman Hawaii anzusehen. Darüber unterhielt man sich dann beim nächsten Vereinstraining, bewunderte, kommentierte, lachte.

Heute wird einem rund um die Uhr suggeriert, dass offensichtlich die ganze Welt nur aus knallharten Sportlerinnen und Sportlern besteht, die nichts anderes tun, als 24 Stunden pro Tag und 7 Tage pro Woche ihre eisernen Körper weiter zu stählen, sich von Proteinshakes zu ernähren und am laufenden Band Bestzeiten zu produzieren.


Der Mensch möchte wahrgenommen und anerkannt werden, das ist eines unserer grundlegendsten Bedürfnisse. Im Sport nimmt dies jedoch oft Formen an, die weder gesund noch konstruktiv sind.

Hier kommt unsere Jahrelange Erfahrung ins Spiel: wir lernen, die Zeichen zu deuten und können das Gespräch suchen.


Was eine Athletin oder einen Athleten letzten Endes dazu bewegt, Inputs eines Coaches oder Trainers zu ignorieren, können wir nach wie vor nicht mit Sicherheit sagen. Auch hier gibt es unterschiedliche Beweggründe, dessen sind wir uns sicher. Was wir jedoch oft erleben, ist eine Kombination aus zwei sehr starken Emotionen: dem Gefühl, nicht dem eigenen Ego entsprechend trainiert zu werden und der daraus resultierenden Angst, nicht genug zu machen.


In unseren Coachingprogrammen legen wir deshalb grossen Wert darauf, wirklich gut mit unseren Kundinnen und Kunden zu kommunizieren. Im Ausdauersport gibt es einige unumstössliche Tatsachen, die leider keinen Halt vor dem subjektiven Empfinden machen. Für den Erfolg braucht es präzise Arbeit, die im Idealfall auf guten, aktuellen Daten basiert – und Repetition. Aufbauserien, Wiederholungen, Zyklen. Bewegung, Erholung. Stretching, Beweglichkeit, Ernährung, Schlaf. Kommt alles zusammen, beginnt das Uhrwerk unaufhaltsam zu drehen. Wird die metaphorische Feder überspannt, bricht sie irgendwann und der Aufbau stagniert.


Wir bieten auf dem ganzen Weg dabei die notwendige Unterstützung. Wir können Muster erkennen und entsprechend intervenieren, können anleiten, empfehlen, begleiten. Damit man sich nicht auf die Quantität verlassen muss, sondern sich auf die Qualität berufen kann. Und am Ende die gesetzten Ziele auch erreicht.


Falls ihr euch hier ein wenig wieder erkannt habt und Hilfe braucht, freuen wir uns, von euch zu hören!


Herzlich,


Patrick Benz

Fabian Kremser