• Fabian Kremser

Leistungsdiagnostik im Breitensport

Zuviel des Guten oder Notwendigkeit?


Lange Zeit waren Leistungsdiagnostische Untersuchungen im Labor vor allem Spitzenathletinnen und -Athleten vorbehalten. Die oft aufwändigen Verfahren, mit denen die verschiedenen, leistungsrelevanten Daten erfasst wurden, waren teuer und wurden abseits der Medizin nicht ohne Weiteres zugänglich gemacht.


Heute sieht dies anders aus: durch eine grössere Nachfrage gestaltet sich auch ein Angebot, das es ermöglicht, auch im Breitensport auf Dienstleistungen, in diesem Fall Analysen zuzugreifen, die eine enorme Bandbreite an Informationen enthalten.

Natürlich stellt sich hier sofort die Frage, ob das denn überhaupt notwendig ist. Brauchen Breitensportlerinnen und -Sportler die gleichen Verfahren, Daten und Analysen, wie es die absolute Spitze tut?


Diese Frage versuchen wir, zu beantworten.


Zunächst müssen wir definieren, was das Ziel einer Leistungsdiagnostik überhaupt ist.


Grundsätzlich geht es darum, die im Körper vor sich gehenden Prozesse unter Belastung zu messen und zu analysieren. Das sind zum einen die reaktiven Prozesse (also jene, die als Reaktion auf die Leistung gemessen werden können), wie die Herzfrequenz, die Fett- und Kohlenhydratverbrennung und den Sauerstoffbedarf, zum anderen die diktierenden- oder leistungsbegrenzenden Prozesse (also jene, die der Probandin / dem Probanden Grenzen setzen und Leistungslimiten aufzeigen). Dies sind zum Beispiel die Sauerstoff-Aufnahmekapazität, die Mengen an verbrannten Energien unterschiedlicher Art, die Kapazität des Herzens, sowohl Blut als auch Sauerstoff zu transportieren und natürlich auch die Muskelkraft.


Kombiniert man diese Daten zu einem metabolischen Profil, lassen sich Trainingseinheiten und -Zyklen mit grosser Präzision steuern.


Im Spitzensport liegt die Notwendigkeit dieser Dinge auf der Hand: oft sind es kleine, kaum ersichtliche Details, die am Ende über Sieg oder Niederlage entscheiden. Für eine Athletin, die beispielsweise auf einer Ironman-Distanz einen Sieg anvisiert, ist es von grosser Bedeutung, zu welchem Teil sie ihre Energie aus Körperfetten beziehen kann, da ihr dies ermöglicht, die einnehmbaren Kohlenhydrate entsprechend zu planen und zu supplementieren. Für einen Olympiateilnehmer auf der Kurzdistanz hingegen ist eine möglichst grosse, Anaerobe Kapazität wünschenswert, die auf komplett anderen, metabolischen Funktionen beruht.


Auch für Breitensportlerinnen und -Sportler sind diese Aspekte von Belang. Während die Athletinnen und Athleten im Profibereich in der Regel ihr ganzes Leben auf das Training, die Wettkämpfe und die Erholung ausrichten können, ist es für Sportlerinnen und Sportler im Amateurbereich meist so, dass der Sport als Hobby, sprich, zusätzlich und nicht als absolute Priorität, ausgeübt wird.


Umso mehr gerät der Aspekt der Gesundheit in den Vordergrund.


Zwar besteht allgemein die Idee, dass man mit einem aktiven und sportlichen Lebensstil ein gesundes Leben führt, die Realität sieht jedoch oft anders aus: durch die limitierten Zeitressourcen geschieht es schnell, dass das Training nicht nach seiner Qualität beurteilt, sondern nach möglicher Quantität ausgerichtet wird.


Anstelle einer tiefgehenden Diagnostik treten oft kurze Verfahren wie Rampen- oder FTP-Tests, die einer Athletin / einem Athleten zwar einen Anhaltspunkt in Bezug auf eine ihrer Schwellen geben und sie mit einem Satz an Leistungsbereichen ausstatten können, die Chance ist jedoch gross, dass die körperlichen Reaktionen und damit die realen Bedürfnisse an ein Training aussen vor bleiben: bei einem Rampentest kann die zeitliche Verzögerung des Stoffwechsels nicht mit einbezogen werden, bei einem FTP-Test sind überhaupt keine metabolischen Informationen vorhanden.


Das Training mit solchen Daten kann zwar durchaus erste Fortschritte bringen, die sich durch erneute Tests und dabei das mögliche Verschieben der Schwellen vermeintlich validieren lassen, doch bleibt hierbei eine wichtige Tatsache aussen vor:


Ohne regelmässige und in die Tiefe gehende Diagnostik lässt sich bestenfalls erraten, ob die durch das Training ausgelösten Reaktionen im Körper ein Aufbauender Prozess sind – oder eine Panikreaktion, welche durch ein überstimuliertes, sympathisches Nervensystem hervorgerufen wird.


Das wirkliche Risiko dabei ist, dass in beiden Fällen vorerst ein Anstieg der Leistung zu verzeichnen ist. Ohne entsprechendes Monitoring und ohne Analyse der Trainingsdaten in Bezug auf den Stoffwechsel und die mit ihm zusammenhängenden Systeme wird es auch sehr schwierig, rechtzeitig zu erkennen, ob ein destruktiver Prozess im Gang ist.

Als Teil unseres vegetativen Nervensystems hat der sogenannte "Sympathikus" die Aufgabe, über den «Fight or Flight»-Instinkt und in Kombination mit der Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin im Körper Fluchtreaktionen auszulösen. Dabei werden oft Kräfte mobilisiert, die über das, was wir im Alltag verwenden und benötigen, weit hinaus gehen. Dies lässt sich auch im Tierreich erkennen: oft werden bei einer panikartigen Flucht als erstes Blase und Darm entleert, während anschliessend auch kleine Tiere Kräfte entwickeln können, die weit jenseits des Natürlichen zu liegen scheinen.


An dieser Stelle müssen wir über Probleme mit dem Verdauungstrakt im Sport sprechen: wie viele Läuferinnen und Läufer leiden unter einem Reizdarm, sobald sie sich bewegen? Wie viele Athletinnen und Athleten verspüren einen regelmässigen und überdurchschnittlichen Harndrang, sobald sie sich im Wasser bewegen? Wie oft kommt es bei Radfahrerinnen und -Fahrern zu Schmerzen im Harntrakt?


Könnte es sein, dass diese Dinge bereits erste Symptome für eine sich abzeichnende Überlastung sind, die uns darauf hinweisen, dass im Körper keine aufbauenden, sondern nach und nach destruktiven Prozesse im Gange sind?


Leider ist der Griff zur Medikation nie weit. Es gibt heutzutage Medikamente gegen «Runner’s Diarrhea», gegen häufigen Harndrang und gegen Blasenschwäche, deren Ursache entweder auf «häufig auftauchende Probleme», eine «schlechte Haltung» oder «Elektrolytemangel» und dergleichen geschoben wird. So gut wie nie wird jedoch hinterfragt, ob das Training nicht nur auf eine Athletin / einen Athleten zugeschnitten ist, geschweige denn sich an individuellen und vor allem: gemessenen, körperlichen Funktionen orientiert.


Im Spitzensport findet diese Datenerhebung in den meisten Fällen regelmässig statt. Ob sie entsprechend eingesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Im Breitensport wird sich stattdessen vor allem an den Resultaten und Leistungen, die im Spitzensport erbracht werden, orientiert – und nicht etwa am individuellen Weg dorthin. Je intensiver und härter ein Training, desto besser, und wenn es einer Olympiasiegerin gut tut, wird es das auch für mich sein…


Deshalb sind wir der Ansicht, dass sich gerade und vor allem im Breitensport die regelmässige, metabolische Diagnostik nicht nur lohnt, sondern geradezu unverzichtbar ist. Sie kann nicht nur den Weg bereiten für individuelle Bestleistungen, sondern bei richtiger Handhabung ein sehr wertvollen und nicht wegzudenkendes Werkzeug dafür sein, die eigene Gesundheit zu bewahren und sogar zu fördern.