• Fabian Kremser

Mehr ist... mehr?

Train hard, race hard! Kaum ein Mindset hält sich im Sport so hartnäckig wie die Ansicht, dass in jedem Training die Grenzen neu gesteckt werden sollten, wenn man vorwärts kommen möchte. Was hindert uns hier am Umdenken?

Vielleicht schon der Prozess selbst: in neuen Bahnen zu denken, fällt uns Menschen schwer. Unsere Meinungen sind uns oft heilig, ebenso die Tatsache, dass die Einstellung "never change a running system" oft gar nicht schlecht funktioniert. Es kommt das folgendes leicht ironische Zitat in den Sinn: "Der Fortschritt im Allgemeinen scheitert meist aus einem von drei Gründen: 1.: Das haben wir schon immer so gemacht, 2.: Das haben wir noch nie so gemacht, 3.: Da könnte ja jeder kommen…"


Bevor wir nun aber ins Zynische abdriften, kommen wir zurück zu unserem Thema und der Frage, weshalb gerade im Ausdauersport so sehr an der guten, alten "Tradition" des Trainings um jeden Preis festgehalten wird. Dazu müssen wir ausholen.


Nehmen wir als Beispiel den Triathlon, so lässt sich sagen, dass diese Sportart zwar noch immer relativ neu ist, gleichzeitig aber derzeit ihre zweite Pionierphase durchläuft.


Die erste war vor etwas mehr als 40 Jahren, als das Ironman-Fieber zuerst langsam, dann immer schneller um sich griff. "Brot und Spiele" hiess es schon zu Zeiten Roms, die Begeisterung an menschlichen Grenzgängen war schon immer gross. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde der Sand des Kolosseums gegen den Asphalt der offenen Strasse, die Gladiatorenrüstung gegen ein bauchfreies Top und die Arena gegen eine TV-Übertragung ersetzt. Mark Allen, Dave Scott und dann Thomas Hellriegel, Lothar Leder… so hiessen sie, die neuen Helden der Exzesse und die Bewunderung füllte wie immer das ganze Spektrum von gottgleicher Verehrung bis hin zur abgrundtiefen Verachtung. Dahinter stand ein damals relativ einfaches Prinzip:


Die Athleten (und bald auch Athletinnen) trainierten so viele Stunden, wie die meisten "normalen" Menschen im Büro oder auf der Arbeit verbrachten. Schwimmen, Rad fahren, Laufen, vielleicht noch Krafttraining: 30, 40, teils 50 Stunden pro Woche, oft und gerne am Limit. Die, welche diese Tortur überstanden, lieferten sich einmal pro Jahr auf Hawaii einen Showdown.


Natürlich war es eine Frage der Zeit, bis das alles auch seinen Weg in den Breitensport fand. Triathlon wurde zu einem Volkssport für Gross und Klein. Ob an einem Sprintrennen oder gleich auf der ganzen Distanz, einem Ironman: mit etwas Vorbereitung konnte und kann man sich auf den gleichen Strecken messen, auf denen auch die Profiathletinnen und -Athleten unterwegs sind. Man kann das gleiche Equipment verwenden und am Ende sogar die Zeiten vergleichen. Das ist bis heute etwas, das den Triathlon (und auch einige andere Ausdauerdisziplinen wie Marathonlauf oder Trailrunning, versteht sich) bis heute von zum Beispiel den grossen Radrennen klar unterscheidet: die Möglichkeit, sich direkt mit den Top-Athletinnen und -Athleten zu vergleichen, ist noch immer ein absolut herausragendes Merkmal dieses Sports!

Seit einigen Jahren ist jedoch etwas im Gange, das viele in erster Instanz erstaunt, überrascht und dann vielleicht sogar verärgert: die Zeiten werden immer schneller.


Es begann mit ein paar Profis, die auf einmal die Jahrzehntelange Bestzeit über die Ironmandistanz von 7:52 Stunden unterboten. Wieder und wieder. Erst in Roth, was lange als die schnellste Strecke schlechthin galt. Doch dann im gleichen Jahr, als dies das erste Mal geschah, auch an einem anderen Rennen, in Klagenfurt, Österreich. Dann tauchten auf einmal Nicht-Profis in den Top-10 Rängen auf. Und von Jahr zu Jahr wurden die Abstände, in denen die ersten Plätze die Ziellinie überquerten, kürzer. Es schien so, als wäre die Zeit der Steppenwölfe zu Ende: es reichte auf einmal nicht mehr, nach dem Schwimmen entweder auf dem Rad oder beim abschliessenden Marathon überragend zu sein, um zu gewinnen.


Natürlich liess das Urteil der "Experten" nicht lange auf sich warten: Ja, klar. Doping, versteht sich von selbst. Die an der Spitze wahrscheinlich, die Agegrouper, die ähnliches leisten, ganz sicher! Das kann ja kein Mensch! (Das Thema Doping ist im Ausdauersport sicherlich eines, über das gesprochen werden muss, jedoch nicht heute).


Da Erfolg und seine Neider jedoch schon seit Urzeiten Hand in Hand gehen, sollte man vielleicht einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen und fragen, was sich denn abgesehen von den immer schneller werdenden Athletinnen und Athleten im Ausdauersport sonst noch geändert hat. Die Antwort ist relativ einfach: es sind vor allem die Technologie und das Wissen, sie einzusetzen, die in den letzten zehn Jahren wahre Quantensprünge vollführt haben.


Und eigentlich ist das naheliegend: noch vor 15 Jahren war es unvorstellbar, auf einem Mobiltelefon einen Spielfilm mit Untertiteln und in Full-HD-Auflösung über das Internet anzusehen. Heute ist das normal. Warum sollte all das nicht auch dafür verwendet werden, bessere Leistungen im Sport zu erzielen?


Das ist tatsächlich das, was die derzeit besten Athletinnen und Athleten tun: sie nutzen die Technologie und die Möglichkeit, eine Unmenge von Daten zu sammeln und auch auszuwerten, um das Training und die sportlichen Leistungen bis ins kleinste Detail abzustimmen. Diejenigen, die ihre Arbeit offenlegen, werden derzeit noch ein wenig belächelt, doch die Resultate sprechen eine sehr deutliche Sprache: auf den obersten Sprossen der Sportleiter wird heute nichts mehr dem Zufall überlassen. Das gilt für den Triathlon wie auch für den Marathon. Als Eliud Kipchoge zum Beispiel als erster Mensch einen Marathon unter 2 Stunden lief, raunte man sich hinter vorgehaltener Hand zu, dass er ja auch diese "besonderen Schuhe" habe und mit Pacemakern arbeitete. Dass Kipchoge aber nicht nur an diesem Tag besagte Schuhe trug, sondern seinen Körper lange und unendlich präzise darauf vorbereitet, diese Schuhe auch laufen zu können, wird gerne übersehen. Dass hinter seinem Lauf ein ganzes Team von Physiologen, Trainern und Meteorologen stand, die genau berechneten, an welchem Tag und in welchem Zeitfenster die äusseren Bedingungen so geschaffen waren, dass Eliud bei seiner optimalen Körpertemperatur laufen und performen konnte, wird von selbsternannten Puristen schon fast als Betrug angesehen.


Was jedoch dahinter steht, ist eben jene erwähnte, neue Ära des Ausdauersports: es gewinnt unterdessen nicht mehr die Athletinnen oder Athleten, die das grösste Volumen und das härteste Training überleben, sondern die, welche ihre Körper ihren Bedürfnissen entsprechend am besten und am gezieltesten trainieren. Umfänge sind zu etwas geworden, das ebenso punktiert und gezielt eingesetzt wird, wie hoch intensive Einheiten, regenerative Massnahmen und die Ernährung.


Was also hindert uns am Umdenken?


Vielen Agegroupern ist noch nicht klar, dass ihnen unterdessen nicht nur das gleiche Equipment, sondern auch das gleiche, technologische Know-How zur Verfügung steht wie auch den Profis und dass es ihnen möglich ist zu lernen, wie man damit umgeht und es richtig einsetzt. Es kann durchaus überwältigend sein, wenn man auf einmal in Besitz einer Uhr kommt, die tatsächlich mehr Daten liefert als eine Laboruntersuchung vor 10 Jahren…


In unseren Coachings unterstützen wir unsere Athletinnen und Athleten aktiv dabei, dieses Umdenken zu lernen. In unserem Labor ermitteln wir die Daten, die wir brauchen, um das Training so zu gestalten, dass eben nicht mehr in jeder freien Minute Sport getrieben werden muss, sondern dass die Reize so gesetzt werden, dass die anvisierten, körperlichen Adaptionen passieren können, ohne Schäden zu hinterlassen.


Wir wünschen euch allen gutes Training!


Herzlich,

Patrick Benz

Fabian Kremser