• Fabian Kremser

Der Stoffwechsel: Motor, Uhrwerk oder Fabrik?

Sprechen wir vom "Stoffwechsel" meinen wir in den meisten Fällen unsere Verdauung. Egal, ob es dort gut oder schlecht zugeht, man ordnet entsprechende Körperfunktionen und -Reaktionen oft und gerne dem Stoffwechsel zu.

Falsch ist das nicht, denn die Verdauung spielt letzten Endes eine durchaus wichtige Rolle in diesem Kreislauf, der ein wahres Wunderwerk an Biochemie darstellt. Doch sie ist unterm Strich auch nur ein Teil des Ganzen. Wir wollen uns heute damit auseinandersetzen, was der Stoffwechsel eigentlich ist, welche Rolle er in Sport und Gesundheit spielen könnte und welche Faktoren darauf Einfluss nehmen können.


Sehen wir uns zu Beginn einmal an, was die Lehrbücher dazu meinen:


"Als Stoffwechsel oder Metabolismus bezeichnet man alle chemischen Umwandlungen von Stoffen im Körper von Lebewesen, beispielsweise die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Zwischenprodukte und Endprodukte. Diese biochemischen Vorgänge dienen dem Aufbau, Abbau und Ersatz bzw. Erhalt der Körpersubstanz sowie der Energiegewinnung für energieverbrauchende Aktivitäten und damit der Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und somit des Lebens."


Die Aufnahme und Verarbeitung von Nahrungsmitteln stellt also wie gesagt nur einen Teil des Ganzen dar. Sie steht am Anfang und am Ende, doch zwischen Hunger und Toilettengang finden eine Unmenge an Prozessen statt, die am Ende das Zentrum des Metabolismus' ausmachen.


Gerade im Sport konzentrieren wir uns leider viel zu oft nur auf den Aspekt der Energiegewinnung "für energieverbrauchende Aktivitäten", was noch dazu auf der fehlerhaften Annahme basiert, dass es mit dem Essen von Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten sowie der Aufnahme von etwas Flüssigkeit erledigt sei.


Ein erstes Problem besteht hier darin, dass die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, nicht nur für die Bewegung, das Training, den Sport notwendig sind, sondern auch für den kleinen Zusatz, der die "Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und damit des Lebens" betrifft. Denn auch unsere Körperfunktionen benötigen Energie, die ihnen der Stoffwechsel liefern muss.


Schnell erklärt sind Dinge, die auf der Hand liegen: die Arbeit des Herzens zum Beispiel. Sie besteht aus mehr oder minder pausenlosen Muskelkontraktionen. Oder auch die Verdauung an sich: auch die sogenannte Peristaltik des Darms besteht aus arbeitenden Muskeln. Hier wird also Energie benötigt und alle dieser Funktionen zusammengerechnet ergeben das, was wir den "kalorischen Grundumsatz" eines Menschen nennen: die Menge an Energie, die ein Körper innerhalb von 24 Stunden benötigt, auch wenn er sich überhaupt nicht bewegt.


Um sich das zu verdeutlichen, hilft die Metapher des Sportwagens: Je schneller man fährt, desto höher wird der Verbrauch an Treibstoff sein, so viel liegt auf der Hand. Doch selbst wenn man den Sportwagen mit laufendem Motor einfach stehen lässt, verbrennt er eine Mindestmenge an Kraftstoff – das wäre der Grundumsatz bei uns.


Doch damit ist der Stoffwechsel bei weitem noch nicht erklärt, nein. Vielmehr wird es jetzt erst so richtig komplex, denn während man sich mit der Idee, dass auch ein stehendes Auto bei laufendem Motor eine gewisse Menge an Sprit verbrennt, noch anfreunden kann, geht hier sehr schnell einmal vergessen, dass es für ein reibungsloses, rundes laufen des Motors ja noch wesentlich mehr braucht als nur Benzin oder Diesel.


So ist es auch beim Menschen. Während wir als "brennbare Energie" Fette, Kohlenhydrate und Proteine zu uns nehmen, sogenannte "Makronährstoffe", heisst das noch lange nicht, dass wir diese auch jederzeit verwerten können.


Denn: damit diese Nährstoffe im Körper in Energie umgewandelt werden können, müssen sie in ihre Bestandteile zerlegt und in unsere Zellen transportiert werden. Und hier beginnen oft die Schwierigkeiten.


Im Sport kennen die meisten den Begriff des "Aeroben Stoffwechsels". Und es ist auch klar, was er bezeichnet: "Stoffwechsel, bei dem Sauerstoff mit im Spiel ist".


Das ist korrekt.


Doch ob Sauerstoff mit im Spiel ist oder nicht, entscheidet am Ende nicht etwa unsere Atmung, sondern das, was in unseren Zellen vor sich geht. Die Atmung ist hier das Mittel zum Zweck: sie holt den Sauerstoff in den Körper hinein. Und ja: im Idealfall wird er dort über die Blutbahn verteilt und von unseren Zellen aufgenommen. Doch OB die Zellen den Sauerstoff aufnehmen und dann dazu verwenden können, Energie zu verbrennen, das steht auf einem anderen Blatt.


Hier kommt nämlich eine weitere Art der Nährstoffe ins Spiel, die man sehr gerne einmal vergisst: die Mikronährstoffe. Der Name erklärt es bereits: es handelt sich dabei um mikroskopisch kleine Nährstoffmoleküle wie Vitamine, Spurenelemente, Mineralien, Enzyme und Co-Enzyme, diverse Fett- und Aminosäuren, die so klein sind, dass wir ihre Abwesenheit erst bemerken, wenn es bereits zu spät ist.


Diese Mikronährstoffe sind die Nahrung unserer Zellen und sie sind direkt daran beteiligt, wenn es darum geht, Sauerstoff in die Zellen zu transportieren um dort Energien zu gewinnen. Und wie beim Sauerstoff ist es am Ende nicht der Blutwert, der entscheidet, ob ausreichend davon in den Zellen ist, sondern die Funktion der Zellen selbst.


Wie bitte? Soll das heissen, dass meine Blutwerte nichts aussagen?


Nein, bestimmt nicht. Ein gutes Blutbild ist immer eine erste, gute Basis um zu eruieren, ob der Körper theoretisch alles hat, was er braucht. Das Problem mit einem Blutbild ist nur, dass es nicht anzeigt, ob die entsprechenden Stoffe und Elemente auch in den Zellen ankommen. Das Blutbild könnte man vergleichen mit der Anzeige des Ölstands, um wieder beim Sportwagen anzukommen: ist diese im grünen Bereich, kann man davon ausgehen, dass zumindest theoretisch genug Öl im entsprechenden Tank ist, doch hat man am Ende keine Garantie dafür, ob das Öl auch dort ankommt, wo es gebraucht wird (zum Beispiel, um all die kleinen Zahnräder, Mechaniken und Lager zu schmieren, die nötig sind, damit der Motor reibungslos funktioniert), noch weiss man, ob es sich um das richtige Öl handelt.


Für die Mikronährstoffe bedeutet dies, dass wir in einem Blutbild unter Umständen nicht erkennen können, ob die Stoffe natürlicher oder synthetischer Natur sind und auch nicht, ob sie unsere Zellen aufnehmen können. (Das gilt auch für Sauerstoff. Es kann gut sein, dass in den Lungen und im Blut viel Luft respektive Sauerstoff gemessen wird, doch das heisst bei Weitem nicht, dass er auch in den Zellen ankommt).


Je mehr Sauerstoff wir in den Zellen verwenden können, desto mehr Fette können wir verbrennen, was letzten Endes in jedem Fall wünschenswert ist, da wir davon praktisch immer genug haben. Es besteht hier jedoch die Fehlannahme, dass man bei keiner oder geringer Intensität nur oder hauptsächlich Fette verbrennt. Das ist hingegen nicht korrekt.


Funktioniert der Zellstoffwechsel nicht so, wie er es sollte, sprich, sind einige der kleinen "Zahnrädchen" (Mikronährstoffe) nicht im Gleichgewicht, kann es durchaus sein, dass wir auch in absoluter Ruhe kein bisschen Fett verbrennen.


Und damit wären wir bei den Faktoren, die ausser der Ernährung noch einen Einfluss auf unseren Metabolismus haben.


Da ist zum einen mal Stress. Egal, welcher Art – er hat die Fähigkeit, unsere Zellen auf mehr als eine Weise zu behindern oder sogar stillzulegen. Denn Hand mit Stress – und allem, was ihn auslöst – kommen die Hormone auf die Bühne, die ihrerseits wieder direkt auf unsere Zellen einwirken.


Dann gibt es da eine Reihe von anderen Einflüssen, die am Ende aber alle eine grosse Summe ergeben: wie wir schlafen, wie wir uns ernähren, wie wir uns bewegen, OB wir uns bewegen. Das Training, nicht zu vergessen – oft ist es in Bezug auf den Stoffwechsel nämlich nicht unbedingt das, was uns gesund hält – und auch unser soziales Umfeld, unsere Arbeit, unsere Hobbies, ja, auch unser Konsum von digitalen Medien.


Wenn wir versuchen, das alles zusammenzufassen stellt sich vor allem eines heraus: der Stoffwechsel ist ein hochkompliziertes, filigranes Uhrwerk, das uns im Idealfall auf ganzer Ebene mit Energie versorgt, und gleichzeitig aber auch krank und schwach machen kann.


Wir wollen uns diesen Monat einmal eingehend mit den einzelnen Aspekten dieser fabelhaften Fabrik auseinandersetzen und gehen in unserem nächsten Artikel als erstes auf die "grossen" Nährstoffe ein. Was hat es mit Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten auf sich?


Herzlich,

Patrick

Fabian