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Sport ist...

Sport ist gesund, Sport tut gut. Sport macht Spass, Sport motiviert, Sport gibt Energie.


Sport ist eine Höllenqual. Sport ist das notwendige Übel. Mein Arzt sagte mir, ich solle mehr Sport treiben. Sport ist Mord.


Es ist Februar und der zweite Monat des Jahres 2020 steht ganz im Zeichen der Gesundheit. Wie wir in unserem letzten Artikel geschildert haben geht es dabei nicht nur darum, eine Abwesenheit von Krankheit zu erzielen, sondern ein Wohlsein und -Befinden auf allen erdenklichen Ebenen zu erhalten, zu pflegen und zu fördern. Natürlich spielen dabei auch Sport und Bewegung eine Rolle, doch ist der Sport wirklich so notwendig, wie man allenthalben hört? Oder kann es auch vorkommen, dass Sport NICHT gesund ist?

Um das zu beantworten sollten wir zunächst einmal den Begriff “Sport” etwas genauer unter die Lupe nehmen. Diesen kann man unserer Ansicht nach nämlich durchaus falsch verstehen…


Quält sich jemand fünf bis sieben Tage die Woche im Fitnessstudio um sich einen Körper zu schaffen, bei dessen Anblick sich Michelangelo weinend die Haare gerauft und anschliessend den David in feinsten Marmorkies verwandelt hätte, dann wird das als Sport akzeptiert. Wenn jemand anderes dreimal pro Woche im Schwimmbad seine Bahnen zieht, dabei den Kopf allerdings über Wasser hält, bereits weniger.

Trainiert jemand an die vierzig Stunden pro Woche verschiedene Disziplinen, dann ist er, klar, entweder sehr sportlich oder sogar Sportler. Geht jemand anderes wiederum fünf Tage pro Woche ins Yoga oder Ballett, dann ist das ein Hobby, Beschäftigungstherapie oder Kinderkram.


Hält man sich dies vor Augen, so kann man sagen: Sport definiert sich in erster Linie über die subjektive Wahrnehmung.


Rein objektiv betrachtet sagt uns zum Beispiel Wikipedia Folgendes:


“Unter dem Begriff Sport werden verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen, ohne in erster Linie der Warenproduktion, kriegerischen Kampfhandlungen, dem Transport von Waren bzw. Gepäck oder der alleinigen Ortsveränderung zu dienen.”


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sport


Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen. Sport ist es also dann, wenn regelmässige Bewegung mit einer gewissen Freude und / oder einem Ziel einen Platz im Alltag bekommt. Somit also auch Yoga, Ballett, lockeres Schwimmen, Aqua-Jogging, Spazieren…


Es war der ehemalige Premierminister Sir Winston Churchill, der für seinen Konsum an Zigarren berühmt und für den Ausspruch “No sports - kein Sport” berüchtigt war. (Der Gute hat auch sonst noch das eine oder andere geleistet, doch das gehört nicht hierher). Gleichzeitig war es jedoch auch ein Sir Winston, der jeden Tag - JEDEN Tag - seine Hunde ausführte. Was ist das, wenn nicht eine Art Sport?


In unserem letzten Artikel haben wir jedoch darauf hingewiesen, dass “Sport” und “Bewegung” nicht unbedingt das Gleiche sind. Ausreichend Bewegung, so haben wir gesehen, sind ein essentieller Bestandteil unserer Gesundheit, doch wie dort schon gesagt muss dies nicht zwingend aus strukturiertem Training oder eben Sport bestehen.

Für uns als Coaches ergibt sich daraus nicht selten ein echtes Dilemma, und zwar dann, wenn eben jene Gesundheit ins Wanken gerät und eine Athletin oder ein Athlet krank wird.


Das kommt vor. Natürlich geht es fast immer mit grossem Erstaunen Hand in Hand. Man lebt doch gesund, man treibt doch Sport, man ernährt sich (rein subjektiv) gut. Wieso wird man “trotzdem” krank?

So hart es auch sein mag: manchmal ist es nicht “trotzdem”, sondern vielmehr “weil”. Es gibt nämlich auch zu viel des Guten. So wird immer wieder die Erklärung notwendig, dass es ab und an auch einfach einmal eine Pause sein darf. Oder: Bewegung statt Training.


Gerade im Februar und während der Grippesaison häufen sich bei uns Fälle, in denen wir Fragen wie die Folgende bekommen:


“Ich fühle mich heute nicht gut, gehe deshalb nicht schwimmen. Ich trainiere stattdessen am Abend eine Stunde auf der Rolle, das ist in Ordnung… oder?”


Hier kommen gleich einige Dinge zusammen, die man unterm Strich als “ungesund” bezeichnen kann.

Zum einen ist da die offensichtliche Annahme, dass Training gleich Training ist. Es spielt also keine Rolle, ob man schwimmt, läuft oder Rad fährt - eine Stunde Training ist eine Stunde, und die MUSS sein, sonst… Ja, sonst was?


Dem ist nicht so. Jede Sportart stellt ihre eigenen Anforderungen an den Körper und in dem Moment, in dem man beginnt, um des Trainings willen zu trainieren, ist eine Überlastung fast schon vorprogrammiert.

Zum anderen wird die Frage, ob das in Ordnung ist, ja eigentlich schon selbst beantwortet. Diejenigen, die mit uns arbeiten, wissen nämlich spätestens nach dem zweiten Mal dass unsere Antwort dahingehend ausfallen wird, dass es, nein, nicht in Ordnung ist und dass man, wenn man nicht schwimmen mag, auch nicht in der Verfassung ist, Rad zu fahren und stattdessen Erholung angesagt ist. Warum tut man sich als aktiver Mensch damit so schwer?


Es ist keineswegs so, dass wir Coaches davon verschont wären. Gerade den Auftakt dieses Monats sah sich Fabian mit der Tatsache konfrontiert, dass ihn eine enorm hartnäckige Erkältung über zwei Wochen lang aushebelte. Der Teil, über den man gerne einmal schweigt, ist der rein mentale Aspekt des Trainings und die Unsicherheit, die entsteht, wenn man einmal eine Einheit auslässt.

In dem Moment, in dem sich z.B. eine Erkältung ankündigt, steigt Panik auf. Man hat doch ein Ziel, man MUSS doch trainieren, und übrigens geht der Kollege Nachbar doch auch laufen, obwohl er leichtes Fieber hat, der hat doch dann einen Vorsprung? Und die Connect-App von Garmin sagt zudem, dass derzeit “Formverlust” angesagt ist, wenn man so weiter macht… Also lieber eine Stunde auf die Rolle, das geht gerade so, das ist doch besser als nichts… oder?


Nein, in diesem Fall nicht. In diesem Fall geht es nicht mehr um das Training, sondern ums Prinzip. Es ist hinlänglich bekannt, dass das falsche Training während nur schon einer Erkältung diese nicht nur verschleppen kann, sondern tatsächlich auch sehr riskant ist. Geschichten von entzündeten Herzmuskeln, chronischer Bronchitis und dergleichen gibt es zuhauf und unserer Meinung nach genug, um sich selbst etwas an die Kandare zu nehmen. Und das Training für die Zeit, in der sich der Körper erholen muss, einfach mal bleiben zu lassen.


Warum also ist das so schwierig?


Wir machen nun zwei kurze Ausflüge. Als erstes begeben wir uns in eine Situation, die für die meisten von uns absolut unvorstellbar ist: wir gehen an die Hänge eines der höchsten Berge der Welt. Sucht euch einen aus. An jedem einzelnen hat sich das folgende Szenario bereits mehrmals abgespielt: Ein sich im Aufstieg befindender Mensch kollabiert, rutscht aus, verunfallt, bricht zusammen. Kurz: stirbt. Vor den Augen aller Anderen. Und die? Klettern weiter… unmenschlich?

Gehen wir weiter, auf die Autobahn. Stossverkehr, es gibt einen Unfall, daraus entsteht Stau. Möglicherweise brennt es, es gibt Verletzte, ja, vielleicht auch einen Todesfall. Und alle Anderen? Sie fahren weiter. Regen sich vermutlich noch auf, dass sie nun zu spät nach Hause oder zu einem Termin kommen. Rettungsgasse bilden? Sollen doch die Anderen, verflixt noch mal…


Was unterscheidet die beiden Situationen voneinander? Was hat das mit Training und Gesundheit zu tun?

Nun, die Situation ist im Wesentlichen die Gleiche. Der einzige Unterschied ist, dass sich die eine im Extremen abspielt und die andere im Alltag, weshalb wir sie nicht wirklich als das wahrnehmen, was sie tatsächlich ist: eine absolute Katastrophe.


Mit dem Training an sich hat es in der Tat nicht viel zu tun, sehr wohl aber mit der Reaktion der nicht direkt Betroffenen. Diese ist nämlich die Gleiche wie jene, die wir gerne auf den Bericht einer Sportlerin, eines Sportlers an den Tag legen, der aufgrund einer verschleppten Krankheit während dem Training kollabierte: wir klettern, fahren, trainieren weiter - weil wir nicht in Betracht ziehen, dass UNS das ebenfalls zustossen könnte.

Wir wollen hier nun allerdings keine Moralkeule schwingen. Letzten Endes muss jeder Mensch selbst wissen, was ihr oder ihm gut tut oder eben nicht, was sie oder er erträgt, was destruktiv ist, was aufbaut, was “gesund” ist. Krankheiten können passieren, Erkältungen WERDEN passieren. Doch das heisst nicht, dass man absolut auf Bewegung verzichten sollte. Denn: wie oben beschrieben gilt auch ein Spaziergang per definitionem als Sport. Oder Stretching. Oder Beweglichkeitstraining. Es ist also durchaus möglich, sich während der Genesung auf Dinge zu konzentrieren, die man sonst gerne einmal vernachlässigt...


Wir appellieren jedoch an dieser Stelle an die allgemeine Vernunft: ihr habt nur einen Körper. Tragt ihm Sorge. Und wenn ihr dabei Hilfe braucht, dann geben wir sie euch gerne.


In diesem Sinne wünschen wir euch alle gute Gesundheit und eine möglichst erkältungsfreie Zeit!


Herzlich,

Patrick

Fabian

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