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  • Fabian Kremser

Rad fahren im Triathlon: wheels up!

Oder: Welchen Stellenwert hat die zweite Disziplin?

In der zweiten Adventswoche wollen wir uns ganz passend auch der zweiten Disziplin unseres Lieblingssports widmen: dem Rad fahren.


Letzte Woche stellten wir uns die Frage, welchen Stellenwert denn das Schwimmen im modernen Dreikampf hat und mussten zugeben, dass es den meisten Triathletinnen und -Athleten nicht wirklich das Liebste auf Erden ist. Wie steht es um die zweite Disziplin, das Rad fahren?


Hier müssen wir zunächst einmal etwas ausholen, denn während das Prinzip des Radelns den Meisten klar sein dürfte, sollten wir dennoch zumindest kurz einmal darauf eingehen, wie denn im Triathlon gefahren wird. Hier müssen wir ganz klar sagen, dass das von Distanz zu Distanz tatsächlich verschieden ist. Wir gehen sogar so weit und behaupten, dass der Olympische Triathlon wie auch die Weltcups auf der kurzen Distanz tatsächlich eine andere Sportart sind als Mitteldistanz- bis Ironman-Rennen. Das hat zwei Gründe: zum einen ist da einmal die Sache mit dem Windschattenverbot, das – theoretisch – auf den längeren, oder besser, nicht-olympischen Strecken, als Regel gilt. Zum anderen wird aufgrund dieser Regel mit anderem Material gearbeitet: im Weltcup und an den Olympischen Spielen kommen Rennräder zum Einsatz, wie sie auch in der Tour de France oder beim Giro d’Italia, kurz, bei Strassenradrennen gefahren werden, bei anderen Events kommen bei den Profis und den meisten Altersklassenathletinnen und -Athleten Zeitfahrräder zum Einsatz.


Wir werden oft vor allem von Neu- oder Quereinsteigenden gefragt, wo denn da der Unterschied ist, falls es denn einen gibt. Den gibt es in der Tat, und er ist ziemlich frappant:


«Normale» Rennräder, auch einfach «Strassenräder» genannt, sind meistens sehr leicht, agil und sowohl in Aufstiegen als auch in schnellen Abfahrten gut zu kontrollieren (vorausgesetzt, man arbeitet ein wenig an der Fahrtechnik. Dazu gleich mehr). Sie erlauben schnelles und aggressives Wechseln der Fahrpositionen und durch ihre Geometrie ist der Schwerpunkt der Athletin / des Athleten in der Regel so ausbalanciert, dass das Gewicht hinter dem Tretlager und in Richtung der hinteren Nabe gelagert ist, was gerade in Abfahrten eine gute Bodenhaftung ermöglicht. Die Lenker erlauben eine Vielfalt von Haltepositionen, die je nach Zeitpunkt und Situation im Rennen optimal eingesetzt werden können.

Das Frauenrennen des Worldcup in Karlovy Vary

Bei den Zeitfahrrädern hingegen steht meistens die Aerodynamik über allem. Die Rahmen sind oft aus grossflächigen Parts gestaltet, die in neuster Zeit nicht selten gleich Stauraum für eine beinahe beliebige Menge an Equipment bieten. Die Lenker sind meistens flach, flügelförmig, und machen durch verschiedene, teils enorm kreative Aufleger für die Arme und Ellenbogen auf sich aufmerksam. Abgerundet wird das Ganze noch von aufregenden Dingen wie Scheibenrädern und Flaschenhaltern, die an diversen Orten befestigt sind.

Einzelzeitfahren bei Volksrennen und langen Distanzen.

Es lässt sich also mit gutem Gewissen sagen, dass man sich als Triathletin oder Triathlet in der zweiten Disziplin am besten austoben kann, wenn es darum geht, sich das subjektiv tollste und beste Material zusammenzustellen. Wie aber sieht es im Hinblick auf das Training und dann auf den Wettkampf aus?


Auch hier müssen wir klar unterscheiden zwischen a) den anvisierten Distanzen und b) dem später gefahrenen Rennmodus.


Unter Athletinnen und Athleten, die sich auf die längeren Distanzen spezialisiert haben, also auf Rennen, bei denen das Windschattenfahren nicht erlaubt ist, wird gerne ein wenig spöttisch auf Wettkämpfe gesehen, bei denen dies erlaubt ist. «Kurz einschwimmen und mich dann mitziehen lassen? Wo ist da die Herausforderung? Das kann ich allemal auch!» - solche oder ähnliche Aussagen sind da an der Tagesordnung. Und während in den meisten Fällen absolut nicht böse gemeint können wir darauf tatsächlich pauschal antworten: «Nein, kannst du nicht.»


Denn: Triathlonrennen, in denen Windschatten gefahren werden darf, sind keinesfalls ein munteres Plantschen zum Auftakt, gefolgt von einer netten Radtour, bei der man sich mitziehen lassen kann mit abschliessendem Jogging. Man muss sich das wie Folgt vorstellen:


Im Starterfeld so eines Rennens sind vielleicht 50 oder 60 Athletinnen oder Athleten, von denen die meisten in der Lage sind, 1,5 km (bei der Olympischen Distanz) in weniger als 17 Minuten zu schwimmen und auch, die abschliessenden 10km um und bei 30min zu laufen.


Man kann bei jedem Triathlonrennen ziemlich pauschal sagen: das letzte Wort wird beim abschliessenden Lauf gesprochen. Wo also wird eine Vorentscheidung - wenn überhaupt - möglich?


Richtig, auf dem Rad, und nur dort.


Egal, ob es hin und wieder Überflieger gibt, die mit 30 Sekunden Vorsprung aus dem Wasser kommen. Sie werden von 10, 15, 20 Athletinnen oder Athleten verfolgt, die mehr oder weniger gleichzeitig das Schwimmen beenden und dann taktisch zusammenspannen, um die Ausreisserin wieder einzufangen. Auf den gesamt zu fahrenden 40 Kilometern geht es folglich nur um eines: so viele wie möglich aus dem grossen Pulk zu bekommen, bevor die Laufstrecke beginnt. Also wird attackiert, ausmanövriert und gesprintet, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Jede kleine Steigung, jede Kurve, jede Änderung der Strasse ist eine Gelegenheit, jemanden zu überrumpeln, sich verausgaben zu lassen oder zu überpacen. Und während ein solches Feld von aussen meist eher ruhig aussieht und vorderhand nicht viel passiert, so sind diese Rennen mit von den taktisch und strategisch anspruchsvollsten, die man sich im Triathlon vorstellen kann. Da ist nichts mit in die Pedale treten und mitfahren.


Entsprechend muss auch das Training gewichtet werden. Die reine Ausdauer reicht hier nicht, es ist letzten Endes eine Frage der Kraft, Schnelligkeit und Anaeroben Kapazität, die hier gefragt ist. So sehr, dass das Training und auch der Wettkampf mit einem Zeitfahrrad einen ziemlichen Kontrast dazu bilden.


Natürlich sind bei beispielsweise Sprintdistanzen ohne Windschattenfreigabe die Tempi sehr hoch und auch die Spitzen auf der Langdistanz fahren längst Tempodurchschnitte um die 40 km/h - bei der Challenge Daytona am vergangenen Wochenende lagen sie sogar weit darüber - doch sind hier viel weniger die Kurzzeitausdauer gefragt und die Schnellkraft. Bei den Rennen mit Windschattenverbot ist es von enormer Bedeutung, wie gut die Aerobe Ausdauer ausgebildet ist, wie gut der Körper seine Energien aus Fett anstelle von Kohlenhydraten ziehen kann und wie sich die Sitzposition auf die Laufökonomie auswirkt. Hier finden wir im Gegensatz zur dominierenden Hektik auf Rennen mit Windschattenfreigabe wieder mehr den Flow und die Romantik, welche dem Triathlon einen grossen Teil seiner Mystik gibt. Der einsame Husarenritt, Mensch und Maschine gegen Wind und Wetter, das finden und lieben wir hier.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Rad fahren aus mehr als einem Grund einen enormen Stellenwert im Triathlon hat. Hier spielt es eine sehr grosse Rolle, auf welche Distanzen und welche Rennmodi man sich spezialisiert und entsprechend wird auch das ganze Training beeinflusst. Zudem macht das Rad fahren einen grossen Teil des Trainings aus, alleine schon aus dem Grund, dass eine Radeinheit gerade bei gutem Wetter schnell einmal zwei, drei Stunden dauern kann. Das dürfte bei den anderen beiden Disziplinen eher weniger der Fall sein…


Im Winter ist das natürlich etwas anderes, weshalb wir euch in dieser Woche ein paar Ideen geben möchten, wie ihr euer Radtraining während der kalten und dunklen Jahreszeit gestalten könnt – und welche Alternativen ihr habt, auch mit einem Seitenblick auf, leider, Corona.


Bleibt also dran und schaut euch unseren Adventskalender auf Facebook und Instagram an, vielleicht findet ihr ebenfalls die eine oder andere neue Idee!


Herzlichst,


Patrick

Fabian

Tricademy - School of Movement

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