Tricademy - School of Movement
|
|
Schweiz - Winterthur - Aadorf - Islikon - Kirchdorf BE

Das ist doch kein Spiel!

21.01.2019

Oder: Wenn Ego und Ambition sich kreuzen

Leitsprüche und Grundsätze waren ein fester Bestandteil meiner Ausbildung zum Sportcoach. Die meisten bezogen sich tatsächlich auf Dinge wie Trainingslehre, die Gestaltung von Plänen und Richtlinien zur Kommunikation. Einige wenige befassten sich allerdings mit einem ganz anderen Aspekt des Sports: der mentalen Auffassung, der Wahrnehmung und auch der Projektion. «Mindset» nennt man das heute wohl pauschalisierend. Unter diesen tat sich eine besonders hervor: «Ironman spielt man nicht».

 

Dieser Aussage aus einem Interview mit meinem damaligen Coach und Lehrer, in welchem er den von uns betreuten Athletinnen und Athleten, die in jenem Jahr am Ironman Switzerland starten würden, einige letzte Worte mit auf den Weg gab. In diesem Zusammenhang wollte er damit sagen: nehmt euch selbst und euer Rennen ernst. Glaubt an eure Ziele und steht dazu. Grundsätze, welche ich auch heute noch jederzeit unterschreibe.

 

Dass man diesen Satz jedoch auch völlig anders verstehen kann wurde mir bewusst, als er mir einige Jahre später in einem völlig anderen Kontext wieder begegnete. Und zwar in Form eines Hashtags: #itsnogame. (Für all jene, die sich ähnlich wie ich noch nicht ganz mit der Umgangssprache des Internets abgefunden haben: das ist das, was wir vor nicht allzu langer Zeit noch eine Raute nannten und was heute auf den sozialen Plattformen benutzt wird um ein Schlag- oder Stichwort zu kennzeichnen).

 

Nun verhält es sich so, dass wohl jede und jeder, der schon einmal ein Langdistanzrennen bestritten hat weiss, dass der Lustgewinn am Ganzen früher oder später abhanden kommt. Spätestens wenn der ganze Körper schmerzt, es einem schlecht ist und der einzige klare Gedanke derzeit jener ist, dass man noch mehr als einen halben Marathon zu laufen hat, wird bewusst, dass man nicht spielt. Viel realer wird es nicht. Natürlich hat man das alles wenige Minuten nach dem letztendlichen Zieleinlauf vergessen, doch in dem Augenblick… nein, da hat man wahrhaftig keinen Spass und das lässt sich meiner Meinung nach auch kaum schönreden.

 

An dieser Stelle liesse sich eine Grundsatzdebatte lostreten rund um die Frage,  weshalb man denn überhaupt so etwas in Angriff nehmen sollte, doch darum geht es hier nicht.

 

Was mich vielmehr interessiert ist, weshalb so viele Athletinnen und Athleten so sehr darum bemüht sind der ganzen Welt zu beweisen, dass sie auch während ihrer ganzen Vorbereitung absolut. Keinen. Spass haben!

 

Was ich damit meine? Nun, der oben genannte Hashtag begegnete mir ganz ehrlich gesagt kein einziges Mal in einem Kontext, in dem ich ihn auch nur ansatzweise so hätte interpretieren können, dass er mich dazu aufforderte, meinen Sport ernst zu nehmen. Stattdessen trat er ausschliesslich mit folgenden Substantiven in Zusammenhang auf: Schmerzen, Anstrengung, Härte, Verbissenheit, verpackt in weitere Hashtags wie #paincave, #determination, #nopainnogain, #gohardorgohome… die Liste ist lang und findet sich in verschiedenen Versionen unter unzähligen Bildern, die auch genau das darstellen. Isolation, Schmerzen, Anstrengung, Schweiss, Tränen. It’s no game…

Nein, das ist in der Tat kein Spiel, zumindest keines, an dem ich gerne teilnehmen möchte. Was mich als Trainer jedoch vor allem beschäftigt ist, was all dies mit dem schönen Ausdauersport macht. Die Assoziationen liegen auf der Hand: Marathon = Laufen bis zum Erbrechen. Rad fahren = Schmerzen am ganzen Körper. Triathlon = Einsamkeit, Härte, verzerrte Gesichter, Verletzungen, Verzicht…

 

Nun frage ich mich: steht irgendwo geschrieben, dass ich mich am Triathlon nicht freuen darf, wenn ich ihn ernsthaft betreiben möchte?

 

Es ist noch nicht lange her dass mir auf Facebook die öffentlich gestellte Frage eines Coaches ins Auge sprang. Er wollte wissen, wie die breite Masse («ihr») darüber denkt, dass jeder zweite Ex-Profiathlet zum Coach wird und dass sich immer mehr «Möchtegern-Athleten» einen solchen Coach nehmen.

 

Es ist eine Tatsache, dass viele Profiathletinnen und -Athleten nach dem Ende ihrer Leistungskarriere damit beginnen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen an jene weiterzugeben, die den jeweiligen Sport gerade für sich entdecken. Das ist meiner Meinung nach nichts schlechtes und auch die Feststellung dieses Sachverhalts nicht. Was mich persönlich jedoch nicht begeistert ist der Begriff «Möchtegern-Athlet». Ich kann mir nicht helfen, egal, wie ich das drehe und wende: ich finde keinen Zusammenhang, in dem ich dies auch nur neutral werten könnte. «Möchtegern», das verbinde ich seit jeher schlichtweg mit Herablassung, Erniedrigung und Spott. Und ich frage mich: Wer hat das zu entscheiden? Wem steht es zu, zu entscheiden, ob eine Athletin oder ein Athlet nun ein «Möchtegern» oder ob er oder sie ernst zu nehmen ist?

 

In den letzten zehn Jahren durfte ich sehr viele Athletinnen und Athleten begleiten und trainieren. Sie kamen aus allen Altersklassen, der jüngste war 16 Jahre alt, der älteste 72, hatten die verschiedensten Potentiale und die unterschiedlichsten Ambitionen. Und jedes Mal, jedes einzelne Mal waren die Athletinnen und Athleten am Ende zuerst im Ziel, die, nun… spielten.

 

«Ich stelle mir vor, dass ich im Slalom durch eine Konditorei fahre, wenn es bergab geht. So bekomme ich die Kurven besser, ich will die schönen Kuchen nicht zerstören», so eine Athletin. «Um mich zu lockern übe ich den Shuffle-Dance vor den Intervallen. Ich weiss nicht, was mir mehr Spass macht, das Tanzen an sich oder die verständnislosen Blicke der Hürdenläufer auf der Bahn nebenan», so ein Athlet. Beide konnten herzlich über sich und ihr Verhalten lachen. Und beide erbrachten regelmässig fantastische Leistungen. Nein, sie gewannen keine Rennen, doch das war auch nie deren erklärtes Ziel. Vielmehr liebten sie beide den Dreikampf und konnten sich tatsächlich auch während eines Marathons auf den letzten Kilometern noch freuen. Weil sie ihre Leidenschaft auslebten. Da ging es nicht um Schmerzen, nicht um Einsamkeit, nicht um möglichst viele Stunden in der «Paincave», möglichst schmerzverzerrte Gesichter.

 

Doch… waren das nun «Möchtegerns»?

 

Liebe Athletinnen, liebe Athleten. Das Jahr 2019 hat begonnen, die Trainingslager stehen vor der Tür, die Ziele sind gesetzt. Ich möchte euch allen gerne Folgendes mitgeben: Spielt! Lasst euch auf keinen Fall den Spass verderben, egal, wie sehr euch die «ernsten» Athletinnen und Athleten aus ihren «Paincaves» heraus belächeln. Wenn euch die Vorstellung, durch eine Konditorei zu rasen, am Ende besser und sicherer einen Berg hinab bringt, dann fahrt um Himmels Willen bitte durch diese Konditorei! Und wenn ihr deswegen ausgelacht oder sogar von der Seite angemacht werdet, nun… dann seht euch einmal die Instagram- und Facebook-Posts der entsprechenden Person/en an. Es mag durchaus sein, dass ihr ihnen gerade den einzigen Grund zur Fröhlichkeit an diesem Tag geschenkt habt, der ansonsten von mindestens drei «ernsten» Workouts geprägt ist, von Schweiss, Tränen, Entbehrung (Was glaubt ihr, wie gerne sie diese Kuchen hätten?) und Schmerzen. Ich für mein Teil mag ihnen das gönnen.

 

Darum also: Spielt! Habt Spass! Schwimmen, Rad fahren, Laufen, Triathlon, kurz: Ausdauersport ist eine tolle Sache! Ihr unterschreibt keinen Vertrag der euch verpflichtet, von nun an leidend durchs Leben zu gehen, wenn ihr euch euer erstes Paar Laufschuhe kauft. Geniesst es!

 

…und wenn euch euer letzter Coach ‘rausgeworfen hat, weil ihr zu sehr "mochtet", aber nicht ernst genug wart, kommt zu mir. Wir gehen auf den Spielplatz oder an den Strand, bauen eine Sandburg anstelle von Hürden und freuen uns auf das Eis hinter der Ziellinie.

 

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen tollen Start in die neue Saison.

 

Herzlich,

Fabian

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Empfohlene Beiträge

Das nächste Kapitel...

02.10.2019

1/1
Please reload

Aktuelle Artikel
Please reload

Archiv
Please reload