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Zwischen Freude und Zwang

30.01.2019

Oder: Wenn die Leidenschaft Leiden schafft

In meinem letzten Artikel habe ich versucht die Frage zu beantworten, ob man Sport und Training sowohl ernst nehmen als auch geniessen und dabei Spass haben kann. Heute möchte ich gerne auf ein Thema eingehen, welches über das «ernst nehmen» hinaus geht. Was geschieht, wenn aus «ernst nehmen» nur noch «ernst» wird?

 

Konkret möchte ich mich mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Wann wird Training zum Zwang? Wann kann man von Trainingssucht sprechen? Wann wird es destruktiv?

 

Diese Thematik ist grundsätzlich heikel, denn das Allgemeinbild von Sportlern ist jenes von vor Gesundheit strotzenden, überdurchschnittlich disziplinierten und permanent fokussierten Menschen mit den Körpern junger Götter. Vorbilder, denen man nacheifern kann. Der Gedanke, dass da etwas nicht zu 100% im Reinen sein könnte, liegt oft sehr, sehr fern. Doch genau hier haben wir bereits einen Ansatz, die erste Frage zu beantworten.

Es ist ein Fakt, dass viele und vor allem junge Menschen einen grossen Teil ihrer Zeit mit Social Media-Apps und Websites verbringen. Ganz vorne mit dabei sind die Giganten Facebook, Whatsapp und Instagram. Die ganze Welt scheint vernetzt und dank enorm ausgeklügelter Algorithmen erhält man auch bei einer Neuanmeldung innert kürzester Zeit einen sogenannten «Feed», der haargenau auf die individuellen Interessen zugeschnitten ist. Das kann einerseits äusserst erbaulich sein, doch hat es auch eine absolute Kehrseite. So wird denn auch z.B. ein junger Mann, der vielleicht gerne ein paar Kilo weniger auf den Hüften hätte und dem entsprechend im Internet nach Inspiration sucht schon nach wenigen Minuten mit der offensichtlich globalen Meinung konfrontiert, dass er keine andere Wahl hat, als zu einem Ernährungsfreak zu werden, mindestens fünfmal die Woche ideal Crossfit oder etwas entsprechendes zu treiben und ab sofort keine Kohlenhydrate mehr zu essen. Natürlich wird das nicht direkt so kommuniziert, doch was ankommt ist oft: Du bist nichts, kannst nichts und bist ausserdem unattraktiv. ABER: wenn du dieses, jenes und auch das noch befolgst, KANNST du vielleicht Anschluss finden. Und schon dreht sie sich, die Mühle, bei deren Stillstand man sich oft in psychiatrischer Behandlung wieder findet.

 

Der Pseudosoziale Druck ist einer der ganz grossen Faktoren, wenn wir vom gefühlten Zwang sprechen, zu trainieren. Unterstützt wird diese Entwicklung leider auch von der Tendenz, dass man im Internet auf Knopfdruck «guten» Rat bei mehr oder weniger jeder Frage findet. Man sucht Hilfe und bekommt nach Betätigen der Eingabetaste mehrere hundert Meinungen, die alle von sich behaupten, DIE einzige Lösung für das Problem zu sein. Auf die Idee, sich tatsächlich Hilfe im richtigen Leben zu holen, kommt man oft erst, wenn es schon beinahe zu spät ist.

 

Dennoch sind der innere Zwang, zu trainieren, und eine tatsächliche Sucht danach nicht unbedingt ein und dasselbe. Der Zwang ist es, der sich vor allem auf äussere Aspekte eines Trainingserfolges konzentriert. Grössere Muskeln, verändertes Aussehen, Respekt anderer Menschen, Anschluss. Erhält man diese Bestätigung, kann man durchaus süchtig danach werden, doch wird das Training in den allermeisten Fällen stets nur Mittel zum Zweck bleiben.

 

Anders sieht es aus, wenn das Training selbst das gesamte Universum einer Athletin oder eines Athleten einnimmt. Wenn das Training nicht nur Mittel, sondern auch Zweck ist. Dann können Prozesse in Gang kommen, deren Auswirkungen oder auch Symptome nur sehr schwer zu erkennen sind. Einerseits, weil sie nach aussen nicht deutlich sichtbar sind. Andererseits, weil sie sich nach und nach in den Alltag schleichen und somit schlicht als normale Entwicklung wahrgenommen werden.

 

Es beginnt beispielsweise mit dem Setzen eines Zieles, welches sehr hoch gesteckt ist. Sei dies eine Marathonzeit, die alles bisherige in den Schatten stellt, die ersehnte Qualifikation für den Ironman Hawaii oder gar die Erfüllung der Richtlinien zur Profi-Lizenz. Während dies alles helfen kann, den Fokus entsprechend zu wahren und das Training zielgerichtet zu gestalten, birgt es gleichzeitig eine riesige Gefahr: Da man stets und überall vor Augen hat, welche Kriterien man für das jeweilige Ziel zu erfüllen hat, steigt der selbst auferlegte Druck im Inneren gewaltig.

 

Nehmen wir einmal an, Athlet X möchte gerne einen Marathon in 2:35 Stunden laufen. Um diese Zeit im Zielraum zu sehen weiss er, dass er eine Pace 3:40 – 3:41 Minuten pro Kilometer laufen muss. Ein enormes Tempo! Also geht er auf einen lockeren Lauf und merkt zuhause, dass er zu dem Zeitpunkt noch etwa zwei oder mehr Minuten pro Kilometer von diesem Ziel entfernt ist. Und schon ist der Dämon des Drucks da, der ihm bei jeder weiteren Einheit sagt: du bist zu langsam.

 

Natürlich geschieht dies nicht bei jeder oder jedem, der sich auf den Weg zu einer neuen Marathonbestzeit macht. Ich arbeite sehr häufig mit Menschen, die sich ein solches Ziel setzen und dann völlig vernünftig fragen, ob es a) überhaupt realistisch ist und wenn ja, b) wie lange es dauern wird, es zu erreichen. Anschliessend beginnen wir, darauf hin zu arbeiten.

 

Doch das Problem der möglichen Trainingssucht lauert auch bei der Arbeit mit einem Coach oder Trainer noch im Dunklen. Denn gerade, wenn dieser seine Sache gut macht, wird man sehr schnell die ersten Erfolge sehen. Irgendwann wird jedoch das erste «Plateau» erreicht sein und es dauert lange, bis der nächste, vermeintliche Leistungssprung sichtbar wird. Die Versuchung, nun mit «angepassten» oder «optimierten» Trainingseinheiten den Fortschritt zu erzwingen, kann zeitweise unwiderstehlich werden. Nur: Woran erkennt man so etwas?

 

Es gibt einige Merkmale, die auch vor kurzem in einem Blog der Plattform TrainingPeaks aufgelistet wurden und welche ich hier gerne ebenfalls als Referenz aufzähle:

 

  • Man fühlt sich haltlos, wenn kein unmittelbares Rennziel im Kalender steht.

  • Man stellt diverse Depressionssymptome fest, die sich im Training allerdings verflüchtigen.

  • Man trainiert «heimlich» oder schlicht mehr, als der Trainer in den Plan geschrieben hat.

  • Man «optimiert» die Trainings, läuft hier ein paar Kilometer, fährt dort mit ein paar Watt mehr.

  • Man kontrolliert die Aufnahme und den Verbrauch von Kalorien nahezu panisch.

 

Ein weiteres, sehr deutliches Merkmal ist es, wenn ein geschriebener Trainingsplan bestenfalls als Vorschlag angesehen, gleichzeitig jedoch völlig frei interpretiert wird. Dies gibt einem den vermeintlichen Spielraum, so viel und so intensiv zu trainieren, wie man möchte, während man gleichzeitig nach wie vor die Verantwortung auf den Trainer abschieben kann. «Es stand doch so im Plan».

 

Bei mir persönlich beginnen die ersten Alarmglöckchen in dem Moment zu läuten, wenn mit eine Athletin oder ein Athlet zum wiederholten Mal versichert, dass sie oder er «absolut noch mehr tun könnte» - und es dann tut, egal ob der Plan angepasst wurde oder nicht. Rote Lämpchen kommen hinzu, wenn jedes Training entweder einige Prozent intensiver oder einige Minuten länger gestaltet wird. «SneakLoad» nenne ich dies für mich. Und die volle Warnsirene erklingt, wenn auf all’ dies noch an einem Ruhetag um sechs Uhr früh eine Nachricht ankommt, dass man «doch noch Zeit für etwa 90min lockeres Laufen hätte…»

 

Worauf ich hinaus will: Es lohnt sich, seine eigenen Trainingsgewohnheiten auch unabhängig der bestehenden Zusammenarbeit mit einem Coach einmal zu hinterfragen. Die oben genannten Punkte können dabei ein erster Ansatzpunkt sein.

 

Wann aber werden nun Zwang und Sucht zu einem destruktiven Lebensfaktor?

 

Auf den Punkt gebracht lässt sich sagen dass das in dem Moment der Fall ist, in dem die eigene Welt zum grössten Teil vom Sport bestimmt ist. Wird es zur Gewohnheit, jede einzelne Verabredung mit Freunden abzusagen, weil man «trainieren muss», ist das langfristig ein Problem. Überlegt man sich bei jedem Eis im Sommer erst, wie viele Minuten man bei welcher Intensität nun trainieren müsste, um die überschüssigen Zucker zu verbrennen, hat man bereits ein kleines Problem. Versteift man sich auf Biegen und Brechen auf eine bestimmte Ernährungsschiene, nur weil Athletin oder Athlet XY so arbeitet und ohne zu wissen, ob man dem gleichen Stoffwechseltyp entspricht, kann das auf Dauer für den Körper sehr ungut sein.

 

Der Weg aus so einer Spirale kann sehr, sehr lang und mühsam sein. Ich kann an dieser Stelle nur raten: hinterfragt euch hin und wieder, egal, wie begeistert ihr von eurem Sport seid. Und wenn ihr feststellt, dass ihr zu driften beginnt: lasst euch helfen. Sport sollte Freude bereiten, nicht nur im Training, und der sportliche Erfolg ebenfalls. Verderbt euch das nicht, indem ihr euch Scheuklappen anzieht und euch dann selbst zu Schanden reitet.

 

In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Wochenende!

 

Herzlich,

Fabian

 

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